Was müssen westliche Nationen drigend aus dem Ukrainekrieg lernen? Schon über 800 Tage dauert der Ukrainekrieg und für beide kriegsführenden Mächte hat dies viele Anpassungen und Innovationen bedeutet. In diesem Video sprechen wir durch, was andere Nationen aus der Rückkehr des großen zwischenstaatlichen Krieges lernen können und müssen.

[Intro]

Anders als die meisten Kriege mit westlicher Beteiligung der letzten Jahrzehnte begann im Februar 2022 keine schnelle Militäraktion in der Ukraine, sondern ein umfassender Krieg, der alle anderen militärischen Konflikte in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg in den Schatten stellt. Wenn beide Staaten die anfänglichen Verluste überstehen und einen Zusammenbruch der eigenen Streitkräfte vermeiden können, so drohen jahrelange Kämpfe, die auf Abnutzung des Feindes abzielen. Wenn der Ansturm der ersten Wochen und Monate überstanden werden kann, wird nicht derjenige gewinnen, der zu Kriegsbeginn das bessere Militär hatte, sondern zunehmend der, der während des Krieges das größere Militär mit der am wenigsten schlechten Qualität erzeugen kann. Bei hochgerüsteten Staaten mit ähnlicher Stärke ist dieser Übergang zum Abnutzungskrieg der wahrscheinlichste Verlauf und muss daher schon in Friedenszeiten vorbereitet werden.
Um in dieser Phase dann zu gewinnen, darf der Fokus nicht mehr auf der Eroberung von Territorium liegen, sofern dieses nicht durch seine Industrie, Rohstoffe oder Bevölkerung von größter Bedeutung ist. Vielmehr muss der kriegsführende Staat danach streben, das feindliche Potential Krieg zu führen zu zerstören und sein eigenes Potential zu maximieren.

[Vorkriegsarmeen sind nur bedingt entscheidend.]
Wenn der Krieg nicht in wenigen Wochen entschieden ist, spielen anfängliche Unterschiede in Ausbildung und Ausrüstung nur in den ersten Wochen und Monaten eine wichtige Rolle, weil die Verluste bald das bessere Material und die besser ausgebildeten Soldaten genauso aufgerieben haben, wie Material und Soldaten des Schlechteren. Sofern in dieser Phase keine der beiden Seiten zusammenbricht, wird alleine die Fähigkeit neue Soldaten zu mobilisieren und neue Ausrüstung für diese zu beschaffen entscheidend sein.
Das massive Anwachsen der Streitkräfte im Abnutzungskrieg wird eine Ausstattung nur mit hochwertigen High-End Waffen verhindern. Überlegene Technologie wird weiterhin die beste Hoffnung auf einen Sieg in der ersten Phase des Krieges bleiben, und ansonsten der entscheidende Faktor sein, den Feind in den ersten Monaten zum Stillstand zu bringen, damit die eigene Mobilisierung Zeit gewinnt.
In einem Massenkrieg wird allerdings die Fähigkeit zu improvisieren und schnell günstige Masse zu produzieren, um die stark anwachsende Zahl an Soldaten auszustatten, von ebenso größter Wichtigkeit sein. “Gut genug” wird in den meisten Fällen eine wichtige Prämisse sein, weil “gut genug” für alle immer noch besser ist, als eine High-Tech Waffe, die fast niemandem zur Verfügung steht. Realistischerweise werden also die Neubauten von wenigen hochkomplexen und hochmodernen Waffen durch eine Masse an mittelmäßigen Waffen ergänzt werden müssen.
Billig und damit in großer Stückzahl zu produzierende Systeme, die möglichst viele Komponenten von der zivilen Industrie übernehmen, werden der einzige Weg sein, rapide anwachsende Massenheere ausreichend auszustatten. Dazu benötigen einfachere Systeme weniger Ausbildung, was der schnellen Vergrößerung der Streitkräfte ebenfalls dienlich ist.

[Fähigkeiten zum Aufwachsen]
Westliche Streitkräfte betonen kleinere Streitkräfte mit intensiv ausgebildeten Soldaten. Diese sind flexibler und kampfkräftiger, nach schweren Verlusten wird ein Aufrechterhalten der Kampfkraft allerdings zu einer Herausforderung. Wenn der Krieg nicht mit den initialen Streitkräften und ihren überschaubaren guten Reserven gewonnen wurde, fehlt aktuell die Infrastruktur, um das notwendige Massenheer zu generieren. Während der einzelne NATO-Soldat theoretisch also viel besser sein sollte, als der einzelne Soldat Russlands oder Chinas, ist er auch viel schwerer zu ersetzen, sobald nötig.
Westliche Beobachter stellten fest, dass die Ukraine 2023 Probleme hatte, eine Vielzahl an Brigaden in Offensivoperationen miteinander zu koordinieren, was die westliche Militärdoktrin verlangt. Sind die anfänglichen Soldaten der westlichen Streitkräfte erst einmal gefallen, wird der Westen das gleiche Problem haben, womit seine Generäle Befehle geben, die von den Soldaten am Boden nicht mehr ausgeführt werden können. Ohne ein gewaltiges Reservewesen droht im Kriegsfall also die westliche Kampfkraft nicht nur auf das Niveau der weniger gut ausgebildeten, frisch eingezogenen Soldaten fallen, sondern sogar noch darunter. Doktrin, Taktik und Ausrüstung sind gar nicht für eine entsprechend schlechter ausgebildete Streitkraft ausgelegt und können daher nicht mehr umgesetzt werden.
Russland ist hier deutlich besser vorbereitet. Die Auftragstaktik mag überlegener sein, aber sie erfordert sehr gut ausgebildete Offiziere und Unteroffiziere. Ein schnell angewachsenes Massenheer hat diese nicht, kann aber eine gewisse Kampfkraft erhalten, wenn es zentral durch erfahrene Offiziere geführt wird. Das mag im direkten Vergleich weniger gut und weniger flexibel sein, im Szenario der Massenmobilisierung erlaubt es aber einen effektiven Einsatz von schlecht ausgebildeten Reserven.
Ein professionelles Militär, das rapide anwachsen kann, muss also die Antwort sein. Ob vorgebildete Reserven durch Freiwillige oder Wehrpflicht erzeugt werden, ist zweitrangig, solange sie stark genug sind. Der professionelle Teil des Militärs muss gut genug ausgebildet sein, um die Führung und Basis der im Kriegsfall ausgehobenen Massen zu übernehmen.
Eine Massenmobilisierung darf im Kriegsfall nicht hinausgezögert werden, weil Soldaten, die mehr als Kanonenfutter sein sollen, viele Monate Ausbildung benötigen. Es muss also auf Vorrat mobilisiert werden, wenn für die gerade eingezogenen Soldaten noch überhaupt kein Bedarf besteht.
Dies erhöht auch die Mannstärke und erlaubt das Heranführen von Einheiten an die Realität des Krieges auf sekundären Schauplätzen und eine rasche Rotation von geschwächten Einheiten, damit die Erfahrungen der Überlebenden nicht verloren gehen, sondern an frische Rekruten weitergegeben werden können.
Um diese Rotationen durchführen zu können, müssen aber ausreichend ausgebildete Reserven vorhanden sein, was deren Mobilisierung 6-12 Monate vor dem Einsatz erfordert. Eine langfristige Planung ist also nicht nur in Friedenszeiten, sondern auch im Krieg selbst weiter unerlässlich.

[Industrielle Herausforderungen]
Im Dienste der Effizienz haben sich westliche Industrien auf weltweite Zulieferer verlassen und ihre Kapazitäten dem tatsächlichen Bedarf angepasst. Beides ist im Kriegsfall ein gewaltiges Problem, wenn der Seehandel nicht mehr funktioniert und die Produktion über Nacht stark steigen soll. Im strategischen Interesse eines Landes in einer Zeit von tatsächlich drohenden Eroberungskriegen muss hier umgedacht werden. Nicht nur das erneute Anhäufen von Depots, sondern auch Produktionskapazitäten auf Reserve werden wichtig für das Überstehen von großen Kriegen sein. Auch wenn es ökonomisch eine schlechte Rechnung ist, ist eine Fokussierung auf heimische Produktion der Komponenten für die Rüstungsproduktion ein zwar teures, aber womöglich überlebensnotwendiges Investment. Im Ernstfall kann ein Staat es sich schlicht nicht leisten, dass seine Flugabwehrpanzer keine Munition mehr haben, weil die Produktion der Munition zur Schweizer Tochterfirma verlagert wurde.
Pläne für die mögliche Mobilisierung der zivilen Industrie sollten ebenfalls in Friedenszeiten erstellt werden. Mit Automobilherstellern abgesprochen zu haben, was und wie sie auf die Produktion von gepanzerten Fahrzeugen umstellen könnten, sollte einen überschaubaren finanziellen Aufwand erfordern, erlaubt aber punktuelle Vorbereitungen, und sei es nur beispielsweise durch das subventionierte oder regulatorisch erzwungene Verbauen von Kränen mit größerer Tragkraft in Fabriken.

[Doktrinäre Anpassung im Abnutzungs- statt Manöverkrieg]
Wenn aber der Sieg nicht durch schnelle Bewegungskriegsführung erzielt werden kann, muss die Zerstörung feindlicher Kräfte, wie auch die Fähigkeiten des Feindes diese zu rekonstituieren priorisiert werden.
Statt also Geländegewinne zu versuchen, sollten die feindlichen Kräfte so weit wie möglich vernichtet werden, was nur mit exzessiver Feuerkraft geht, vor allem durch Artillerie. Um der Feuerkraft des Feindes zu widerstehen, müssen großflächig Befestigungen angelegt werden, auch in mehreren Wellen in der Tiefe. Positionen, Aufmarschräume, Industrie und Ausbildungsstellen müssen getarnt werden, um die Wirkung feindlicher Waffen über die reine Härtung durch Stahlbeton zu verringern.
Großflächige Operationen können in diesem Kontext erst dann erfolgreich begonnen werden, wenn die feindlichen Reserven aufgebraucht sind, aber noch überwältigende eigene Reserven vorhanden sind. Erfolgen großflächige eigene Offensiven vor der entscheidenden Schwächung des Feindes, so nimmt man sich durch die entstehenden Verluste die notwendigen Mittel, um ihn zu besiegen.
Was wie ein erneuter Fokus auf Artillerie klingt, als ob sich seit dem 1. Weltkrieg nichts geändert habe, ist tatsächlich auch nichts anderes, da die Artillerie wegen massiv gesteigerter Fähigkeiten wieder oder weiter in dominierender Rolle verbleibt. Die Reichweite der Rohrartillerie ist inzwischen auf 40 Kilometer angewachsen, Spezialgeschosse aus Haubitzen reichen bis zu 100 Kilometer weit. Massiv gestiegene Präzision mit einer nie dagewesenen Aufklärung haben das Zerstörungspotential der Königin des Schlachtfeldes noch einmal mehr erhöht, was eine Fokussierung auf sie rechtfertigt. Dazu erlaubt die Artillerie eine Zerstörung der feindlichen Kampfkraft, ohne eigene Truppen nennenswert zu exponieren, was gerade im Abnutzungskrieg entscheidend ist.
Verbesserte Aufklärung hat nicht nur die Artillerie präziser gemacht, sie verhindert auch nachhaltig das Konzentrieren von Offensivkräften für entscheidende Durchbrüche, zumal Artillerie nun auch von weiter entfernten Frontbereichen eingreifen kann, ohne verlegt werden zu müssen. Das unterscheidet die Kriegsführung heute wieder von der des Zweiten Weltkriegs und danach, bei dem ein Bewegungskrieg immer wieder von beiden Seiten erzwungen wurde.
Eine Bedrohung durch weitreichende feindliche Präzisionsartillerie, Marschflugkörper und Raketen, aber auch Drohnen und Kampfflugzeuge ist bei einem geradezu transparenten Schlachtfeld zu groß, als dass sich angreifende Truppen weit aus dem Schutzschirm der eigenen Abwehrmittel entfernen könnten. Diese erfordern inzwischen neben konventioneller Flugabwehr unter anderem auch umfangreiche EW-Fähigkeiten gegen Drohnen und Präzisionswaffen, sowie Elektronische Schutzmaßnahmen zum Schutz der eigenen Drohnen und Präzisionswaffen. Minenfelder und Befestigungen noch gar nicht eingerechnet.
Bis also der Feind weit genug geschwächt ist, ist in dieser Phase des Krieges eine Rückkehr zum erfolgreichen Manöverkrieg ohne horrende Verluste illusorisch.
Dazu macht die höhere Schlagkraft der Artillerie schwere Befestigungen essentiell. Diese brauchen aber Zeit zum Bau, die der Angreifer auf frisch genommenen Gelände nicht hat. Wenn also Angriffe vor einem Zerschlagen der feindlichen Feuerkraft erfolgen, führen sie zu vernichtenden Verlusten. Der Angreifer zahlt damit einen furchtbaren Blutzoll, wenn der Verteidiger sich auf einen Abnutzungskrieg vorbereitet hat.

[Schutz des Hinterlandes]
In einem jahrelangen Abnutzungskrieg wird die Fähigkeit des Feindes, Soldaten auszubilden, Truppen aufzustellen und Material herzustellen ein kriegsentscheidender Faktor sein. Die Komplexität der Produktion moderner Systeme macht die überschaubare Anzahl an Fabriken verwundbar. Ein Staat muss also einerseits frühzeitig vor Kriegsausbruch genügend präzise Abstandswaffen erwerben, um die feindliche Flugabwehr zur Zerstörung der feindlichen Mittel zu übersättigen, weil im jahrelangen Abnutzungskrieg der Effekt kumulativ ist und sich erst langfristig auswirkt. Eine frühzeitige Zerstörung der Fähigkeiten zur Truppengeneration hat also keinen unmittelbaren Effekt auf die Kampfkraft des Feindes, wohl aber einen, der auf Jahre wirkt.
Gleichzeitig muss ein Staat die Mittel vorrätig halten, inklusive großzügiger Bestände an Flugabwehrraketen, um seine eigenen Fabriken und kritische Infrastruktur gegen solche Angriffe zu schützen, auch wenn der Feind die Flugabwehr der Fabriken übersättigen will.

Wenn man die Lehren des Ukrainekrieges ernst nimmt, so muss man einerseits wieder große Kriege, auch innerhalb Europas erwarten und sich auf diese vorbereiten. Gleichzeitig muss man aber auch erwarten, dass diese Kriege nicht in vier bis zwölf Wochen entschieden sein werden, sondern mehrere Jahre dauernde Abnutzungskriege sein werden, die eine völlige Mobilisierung von Bevölkerung und Industrie im Krieg erfordern, aber eben auch die umfangreiche Vorbereitung darauf in Friedenszeiten. Am Ende gilt auch hier wieder “Si vis pacem, para bellum” – “wenn Du den Frieden willst, so bereite Dich auf den Krieg vor” weil eine explizite Vorbereitung auf einen solchen Krieg einen potentiellen Feind erfolgreich abschrecken kann. Ein Unterlassen des Lernens der Lektionen des Ukrainekrieges kann dagegen extrem schmerzhaft werden.

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